Poesie der Unschärfe

Clemens Fischer hat mit einer Lochkamera Licht-Bilder „von innen“ geschaffen

Nur das Gehäuse einer Digitalkamera. Kein Objektiv. Kein Autofocus. Keine Sensoren. Nur eine winzige Blende. Also eine Lochkamera. Reduzierte Technik mit dem Ziel einer nahezu freien Ästhetik. Keine Perspektiven. Keine Tiefenschärfe. Keine Aufteilung in Vordergrund und Hintergrund. Dafür, dank der fehlenden Optik, auch keine Verzerrungen. Nur die wundersame poetische Gegenwart von Licht und Farbe. Gegenständliches? Ja, man nimmt Landschaft wahr, Personen. Natur. Wald. Den Teil eines Bootes. Eine alte Straßenbahn. Einen zarten, nur angedeuteten Akt. Einen Reigen des Schwebenden und auch des Verklärten, so als ob alles leise schwingt  und die Farben sich berühren.

„Bilder von Innen“ nennt Clemens Fischer seine Arbeiten. Er lebt mit seiner Familie in Frankfurt, wo er als Industriedesigner arbeitet. Er fotografiert gerne und ist ein großer Naturfreund. Oft hält er sich auf der Schwäbischen Alb auf, wo er sich das Haus seiner Großmutter, der Malerin Irene Lindegaard, hergerichtet hat. Es steht am Rand einer großen Wiese, die von alten und jungen Bäumen umsäumt wird. Auf der einen Seite befindet sich ein Solitär, die Glockenstube der ehemaligen Dorfkirche. Ein Rückzugsort und eine Stätte für Gespräche, für Lesungen, Musik und Ausstellungen. Aber nicht hier zeigt Clemens Fischer seine Werke, sondern im  Freien beim Alb-Labyrinth am Rand der Gemeinde St. Johann. Dort, bei der Nachbildung des berühmten Irrwegs von Chartres, hat er seine Bilder auf schlanken Stelen aufgerichtet. Frei in der Landschaft, als wären sie ein Teil von ihr. Und der Blick wandert die Wege der Poesie und der Natur hin  und her, als wären sie Eines.

Clemens Fischers Licht-Bilder greifen die alte Sfumato-Malweise auf als deren Vater Leonardo da Vinci gilt. Bei dieser Malweise der unbestimmten und leicht verschwommenen Übergänge der einzelnen Farben entstehen Räume und Bezüge, die ins Offene, Unbestimmte weisen und dadurch Inwendiges erfahrbar machen. Man denke in diesem Zusammenhang auch an das Naturwunder des Regenbogens. Seine Spektralfarben sind nicht exakt voneinander getrennt, vielmehr gehen sie unmerklich ineinander über. Geheimnisvoll aber gegenwärtig als ein leuchtendes Ganzes. Ähnliches ereignet sich bei den kleinformatigen Licht-Tafeln von Clemens Fischer. Hier wird das Licht in seinen verschiedenen Wellenlängen der Farbe auch als eine Energie verstanden, die der Poesie der  Unschärfe und des Übergangs von einem Innen in ein Außen einen Namen gibt: Schönheit ohne Grenzen. 


Hans Dieter Werner
25. Oktober 2021

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